Haben sich in der AGJ-Suchtberatungsstelle in Schwetzingen getroffen (von links): der Landtagsabgeordnete der Grünen Dr. Andre Baumann, Natalia-Anna Albrecht, Abteilungsleitung Ambulante Suchthilfe beim AGJ-Fachverband für Prävention und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg e.V., Baumanns Büroleitung Patrick Alberti und der Leiter der AGJ-Suchtberatung Heidelberg Stefan Heizmann.

Dr. Andre Baumann hat sich über die Arbeit der AGJ-Suchtberatungsstelle in Schwetzingen informiert

Ob an Feiertagen, Geburtstagen, zu Jubiläen, bei Firmenfeiern oder zum Einläuten des Feierabends oder Wochenendes: Alkoholische Getränke sind in unserer Gesellschaft sehr präsent. Darin waren sich bei Dr. Andre Baumanns Besuch der AGJ-Suchtberatungsstelle in Schwetzingen alle einig. Der Landtagsabgeordnete der Grünen hat sich über die Arbeit der Außenstelle der AGJ-Suchtberatung Heidelberg in seinem Wahlkreis informiert. „Ich selbst mache momentan ein Intensivfasten bis Ostern, trinke keinen Alkohol und verzichte auf Süßes“, erzählte er. „Und da ich jetzt im Januar natürlich viele Neujahrsempfänge besuche, muss ich sehr oft alkoholische Getränke ablehnen. Das wird dann häufig hinterfragt, und ich gelte mitunter als ungesellig.“ Für einen trockenen Alkoholiker müssten solche Situationen sehr schwierig sein, vermutete der Politiker.

Der Diplom-Psychologe und Diplom-Sozialpädagoge Stefan Heizmann, Leiter der AGJ-Suchtberatung Heidelberg, bestätigte das: „Vor allem, wenn der Betroffene seine Abstinenz gerade erst begonnen hat, kann das je nach sozialem Umfeld eine große Herausforderung sein.“ Vor sich und anderen einzugestehen, dass man an einer Krankheit leide, sei bei Alkoholismus ebenfalls sehr schwierig, ergänzte Natalia-Anna Albrecht, Abteilungsleitung Ambulante Suchthilfe beim AGJ-Fachverband für Prävention und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg e.V.. „Reiß dich zusammen“, bekämen Betroffene mitunter zu hören. „Dabei ist Alkoholismus eine Gesellschaftskrankheit, die in jeder Schicht zu finden ist“, so Albrecht. Es tue sich zwar etwas, aber leider seien Suchterkrankungen immer noch ein Tabuthema. „Dazu kommt, dass es eine Familienkrankheit ist, da die Angehörigen oft von Co-Abhängigkeit betroffen sind.“ Daher richte sich das Angebot der AGJ-Suchtberatung explizit auch an Angehörige, sagte Heizmann. Diese machten im Jahr 2023 circa 14 Prozent der Klientel der Beratungsstelle in Schwetzingen aus. „Vor allem bei Familien mit Kindern schauen wir ganz genau hin und kooperieren mit den Jugendämtern.“

Als ambulante Beratungs- und Behandlungsstelle ist die AGJ-Suchtberatung Schwetzingen nach eigenen Angaben mit zwei Fachkräften Erstanlaufstelle für Betroffene und Bezugspersonen aller Altersgruppen aus dem Wahlkreis Schwetzingen. Das Themenspektrum umfasst Alkohol, Nikotin, illegale Drogen, Glücksspiel und Medien. Im Jahr 2023 waren dort 613 Menschen zur Beratung, Therapie oder Nachsorge, 3400 Gespräche wurden dokumentiert, 46 Menschen wurden in eine stationäre oder teilstationäre Rehabilitationsmaßnahme vermittelt. Zudem wurden mittels 22 Präventionsmaßnahmen circa 270 Personen erreicht. Seit 1992 gibt es ein kontinuierliches Beratungsangebot in Schwetzingen, seit 2012 in den aktuellen Räumen in der Carl-Benz-Straße an fünf Tagen in der Woche. „Am häufigsten, nämlich bei 40 bis 45 Prozent unserer Klientel geht es um das Thema Alkohol“, berichtete Heizmann. Das sei auch ein Spiegel der gesamtgesellschaftlichen Situation. Das zweithäufigste Thema sei Cannabis-Konsum: 19 bis 20 Prozent der Klientel kämen deswegen zur AGJ-Suchtberatung in Schwetzingen.

Baumann (zweiter von rechts) und Alberti (links daneben) haben sich in einem ausführlichen Gespräch und einem lebhaften, interessierten Austausch über die Arbeit der AGJ-Suchtberatungsstelle in Schwetzingen informiert.

Von dem Beginn einer Alkoholsucht bis zum Eintritt in das Hilfesystem vergehen oft zehn bis 15 Jahre

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, ein Zusammenschluss der in der Suchthilfe und Suchtprävention tätigen Verbände aus Selbsthilfe, Beratung und Behandlung in Deutschland, empfehle für die Allgemeinbevölkerung, maximal an fünf Tagen in der Woche Alkohol zu trinken, so Heizmann. „Andere Institutionen raten etwa zu einem alkoholfreien Tag in der Woche, einer alkoholfreien Woche pro Monat und einem alkoholfreien Monat im Jahr.“ Doch auch, wenn jemand regelmäßige Phasen ohne Alkohol einhalten könne, könne er bereits von Alkoholismus betroffen sein. „Viele Menschen mit Alkoholproblem sind noch nicht körperlich abhängig und funktionieren im Alltag. Trotzdem müssten sie dringend behandelt werden“, sagte Heizmann weiter. Von dem Beginn einer Alkoholsucht bis zum Eintritt in das Hilfesystem vergingen allerdings oft zehn bis 15 Jahre. Um aufzuklären und vorzubeugen ist das Team der AGJ-Suchtberatungsstelle unter anderem auch in Schulen sowie in der betrieblichen Suchtprävention tätig.

Sucht am Arbeitsplatz sei ein verbreitetes Problem, das erhebliche Kosten verursache und viele Fragen aufwerfe. Ein konsequenter und lösungsorientierter Umgang mit suchtkranken und -gefährdeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sei eine schwierige und gleichzeitig sehr wichtige Aufgabe für Führungskräfte, Personalabteilungen und Betriebsräte. „Es wäre hilfreich, wenn wir beispielsweise noch mehr Kooperationen mit Betrieben eingehen könnten“, sagte Albrecht. Denn obwohl die Suchtberatungsstellen Teil der kommunalen Daseinsfürsorge in Baden-Württemberg und fest eingeplant seien etwa für die Vermittlung der Betroffenen in Rehabilitationskliniken, reichten die kommunalen Zuwendungen, die Zuschüsse vom Land und die Möglichkeiten, Geld zu erwirtschaften, bei Weitem nicht aus. „Und auch wir als Fachverband können das immer größer werdende finanzielle Defizit bei gleichzeitigem Anstieg an Aufgaben bald nicht mehr ausgleichen“, so Albrecht. „Die Lage ist sehr ernst. Und das, obwohl mehrere aktuelle Studien belegen, dass für jeden Euro, der in die Arbeit der Beratungsstellen investiert wird, 17 Euro für die Gesellschaft eingespart werden. Wir arbeiten sehr effektiv und nach neuesten Studien- und Forschungsergebnissen.“ Im „Aktionsbündnis Suchtberatung retten“ setze man sich nun dafür ein, dass die Zuschüsse vom Land Baden-Württemberg im Doppelhaushalt 2025/26 erhöht werden.

„Auch die Landtagsfraktion der Grünen bemüht sich darum, dass die Landesfinanzierung für die Suchtberatungsstruktur im nächsten Doppelhaushalt erhöht wird“, versicherte Baumann. Am Ende des ausführlichen Gesprächs und lebhaften, interessierten Austauschs bedankte er sich für die wichtige Arbeit der AGJ-Suchtberatungsstelle. „Ohne Einrichtungen wie diese sowie die qualifizierten und hoch engagierten Menschen, die dort arbeiten, stünden unsere Gesellschaft und unser Gesundheitssystem sehr viel schlechter da.“

Info:

Suchtberatung Heidelberg/Außenstelle Schwetzingen

Carl-Benz-Straße 5

68723 Schwetzingen

Telefon: 0 62 02 85 93 58-0

E-Mail: suchtberatung-schwetzingen@agj-freiburg.de

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