Aufwendig, aber notwendig und absolut erfolgreich
Ein Abendspaziergang am Hochwasser- und Ökologieprojekt (HÖP) in Hockenheim ist immer ein schönes Erlebnis. Das wissen die Bürgerinnen und Bürger, die hier an einem lauen Sommerabend unterwegs sind, die Natur genießen und am Ufer des Kraichbachs verweilen.
Auch Dr. Andre Baumann, der Landtagsabgeordnete der Grünen, lädt regelmäßig zu naturkundlichen Exkursionen entlang des knapp 800 Meter langen Abschnitts ein, an dem der Kraichbach sich scheinbar ursprünglich und wild durch Hockenheim schlängelt. So auch anlässlich seiner diesjährigen Sommertour. „Das HÖP muss man mit dem Herzen und den Sinnen genießen“, erklärte Baumann. Der Kraichbach rauscht und plätschert, ein ganz besonderer Duft erfüllt die Abendluft und die Natur mit ihren wilden Wiesen, Büschen und Bäumen ist einfach wunderschön.
„Das HÖP ist ein Vorzeigeprojekt in Baden-Württemberg und Blaupause für unzählige andere Projekte im Land“, erläuterte der promovierte Biologe Baumann und wie der Name schon sagt, vereint das HÖP Hochwasserschutz und Ökologie. „Man sieht, dass die Renaturierung, also die Gestaltung eines sich schlängelnden und wilden Bachs, aufwändig war. Aber sie war notwendig und sie war erfolgreich.“ Das HÖP schützt die Rennstadt mit seinem großen Uferbereich vor 100-jährigem Hochwasser und sogar noch mehr: Es wurde bereits ein 15-prozentiger Klimawandelzuschlag einberechnet.
16 Millionen Euro kostete das Projekt. Der Großteil wurde vom Land übernommen, vier Millionen Euro von der Stadt Hockenheim, wofür Andre Baumann dem Hockenheimer Gemeinderat ausdrücklich dankte. Für Elke Dörflinger, die Fraktionsvorsitzende der Hockenheimer Grünen, ist das Geld gut investiert: „Das HÖP schützt vor Hochwasser. Aber wenn man sich umschaut, sieht man auch, dass das gesamte Gebiet enorm aufgewertet wurde. Das HÖP ist zu einem Aushängeschild unserer Stadt geworden – hier halten sich die Bürgerinnen und Bürger gerne auf“, so Dörflinger.
Dass das HÖP mit all seiner Natur erhalten bleibt, ist aber nicht nur ein Verdienst des Landes und der Stadt Hockenheim, sondern auch der Naturschutzverbände. Darum waren auch Uwe und Dr. Sybille Heidenreich von BUND und NABU Hockenheim sowie Frank Nürnberg und Jürgen Hauschild von NABU Schwetzingen und Umgebung bei der Exkursion dabei. Und mit ihnen viel Fachwissen zu der Ökologie des HÖP. Im Gegensatz zum Leimbach in Oftersheim, der ebenfalls renaturiert werden soll, hat der Kraichbach in Hockenheim ein etwas größeres Gefälle, was für die Renaturierung und den Artenreichtum des HÖP entscheidend ist. „Wir finden hier in der benachbarten Bebauung gute Strukturen für Mehlschwalben. Diese benötigen nämlich senkrechte, ausreichend überdachte Wände an möglichst mehrstöckigen Gebäuden. Von dort haben sie freien Anflug zum schlammigen Ufer zum Sammeln von Nistmaterial und zur Nahrungssuche“, erklärte Frank Nürnberg.

„Die Natur verändert sich durch verschiedene natürliche und menschengemachte Ereignisse“, ergänzte Uwe Heidenreich. Früher gab es hier im Bereich des HÖP Wiesen, die bewässert wurden. Daran erinnern nun Teile der Uferböschung, die zweimal im Jahr gemäht werden. Suksession, die Veränderung über die Zeit, gehört einfach zur Natur dazu. Und am Ende bleibt, was zum Standort passt. „Vieles von dem, was früher einmal war, ist weg, dafür aber sei viel Neues entstanden“, erinnerte sich Andre Baumann.
Der Kraichbach fließt an einigen Stellen schnell, an anderen langsamer. „Diese Vielfalt wurde mit guter Planung und Ingenieurskunst geschaffen“, erklärte Baumann und zeigte auf eine Holzwurzel, die mit einer Kette am Grund befestigt ist. Totholz bietet einen wertvollen Lebensraum für Kleinstlebewesen wie Krebse und Insekten. Kies- und Lehmgruben wurden künstlich angelegt, um Lebensbedingungen für viele verschiedene Tiere und Pflanzen zu schaffen. Denn trotz des Fließgefälles hat der Kraichbach wenig Kraft, um selbst neue Strukturen zu schaffen.
Die Natur schafft es aber auch am HÖP, Neues entstehen zu lassen. Es ist bereits eine zusätzliche kleine Insel entstanden. Und auch bei den Pflanzen hält sich die Natur nicht immer an die Planungen, sondern entscheidet selbst, was zu ihr passt. Sanft unterstützt wird sie dabei durch menschliche Pflege, auch der engagierten Menschen vor Ort.
„Während der Corona-Zeit entstand eine Arbeitsgruppe in Kooperation mit der Kommune und dem RP, die Führungen durch das Gelände veranstaltet und eine Webseite aufgebaut hat“ erzählte Sybille Heidenreich. Und auch in die Schilder, die über das HÖP informieren, sind Fotos und Texte der Arbeitsgruppe eingegangen.
„Das HÖP trägt dazu bei, dass wir am Kraichbach einen guten ökologischen Zustand erreichen, wie ihn die Europäische Wasserrahmenrichtlinie für alle europäischen Gewässer vorschreibt“, erklärte Andre Baumann zum Abschluss. Er ist froh, dass sich das HÖP so prächtig entwickelt hat: Zu einem effektiven Hochwasserschutzgebiet, einem wertvollen Lebensraum für Tiere und Pflanzen und zu einem beliebten Naherholungsgebiet.