Rund 40 Bürgerinnen und Bürger nahmen an der Exkursion des Landtagsabgeordneten Dr. Andre Baumann auf dem Ketscher Friedhof teil.

Auf dem Ketscher Friedhof krabbeln die Ameisen. Beim Vor-Ort-Termin informierten sich rund 40 Bürgerinnen und Bürger, was es mit der invasiven Ameisenart Tapinoma magnum auf sich hat und was man gegen ihre Ausbreitung tut.

Tapinoma magnum, die Große Drüsenameise, beschäftigt momentan viele Gemeinden in der Kurpfalz. Die invasive Art stammt aus dem Mittelmeerraum und breitet sich – begünstigt durch den Klimawandel – auch bei uns aus.

„Medial steht die Stadt Kehl im Mittelpunkt der Berichterstattung. Über das massive Tapinoma-Vorkommen und die Probleme in Kehl wurde in der Tagesschau in der Halbzeitpause eines Spieles unserer Nationalmannschaft bei der Fußball-EM berichtet – zur allerbesten Sendezeit“, erklärte Dr. Andre Baumann. Der Landtagsabgeordnete der Grünen hatte auf den Ketscher Friedhof eingeladen, denn dort befindet ebenfalls ein Tapinoma-Hotspot in Baden-Württemberg, der Kehl in nichts nachsteht. Unter den rund 40 interessierten Bürgerinnen und Bürgern waren auch Birgit Ackermann und Günther Martin, für die Grünen im Ketscher Gemeinderat.

Mit dabei bei der Exkursion war auch Amelie Höcherl. Die Biologin arbeitet beim eigens zur Erforschung dieser Art gestarteten Tapinoma-Projekt der Staatlichen Naturkundemuseen Stuttgart und Karlsruhe. Dieses Projekt wird vom Umweltministerium Baden-Württemberg mit rund 210.000 Euro finanziert. Höcherl ist zuständig für die Kommunikation mit Bürgerinnen und Bürgern, Citizen Science sowie die Koordination mit den Städten und Gemeinden. Baumann erklärte, dass das Forschungsprojekt in Auftrag gegeben worden sei, um die Art zu erforschen und auf der Basis von Daten bessere Maßnahmen zur Bekämpfung zu finden.

Expertin Amelie Höcherl (zweite von links) vom Naturkundemuseum Stuttgart
berichtete über die Große Drüsenameise Tapinoma magnum.

Dazu wurde im ersten Schritt ein Referenzgenom erstellt. Das Genom sei das Erbgut eines Lebewesens, erklärte Amelie Höcherl: „Wie das Bild auf einer Puzzlepackung hilft das Referenzgenom, die einzelnen Puzzleteile aus weiteren Analysen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen.“ Dann würden die Genome von den hier verbreiteten Tapinoma-Populationen mit denen aus der Mittelmeerregion verglichen. Aufgrund der genetischen Fingerabdrücke könne man dann feststellen, woher genau die Ameisen stammen. „Und man kann feststellen, ob die Tiere einmal oder mehrmals aus unterschiedlichen Regionen eingeschleppt wurden.“

„Es gibt viele kleine schwarze Ameisen“, erklärte Höcherl. „Und die sind manchmal schwer zu unterscheiden. Die invasiven ‚Tapinomas‘ kann man zum Glück anhand der Kombination mehrerer Merkmale ganz gut erkennen, das auffälligste Merkmal sind die starken Größenunterschiede der komplett schwarzen Arbeiterinnen, die ca. 2-4 mm klein sind.“ Und tatsächlich konnte man vor Ort mit bloßem Auge überall auf den Pflastersteinen sehen, dass es vor schwarzen Ameisen, kleineren und größeren, nur so wimmelte.

„Wenn man Ameisenarten zweifellos bestimmen möchte, sitzen Experten auch mal 1,5 Stunden am Mikroskop, bis alles vermessen ist. Da geht es beispielsweise um die Größe, die Kerbe im Kopf, die Anzahl bestimmter Haare und noch vieles mehr. Auch darum ist die Entwicklung genetischer Methoden ein wichtiger zusätzlicher Weg für die Bestimmung der Art.“

Anders als der Zusatz ‚magnum‘ vermuten lässt, sind die Tiere mit ihrer Länge von circa zwei bis vier Millimetern vergleichsweise klein. Bei keiner ähnlichen heimischen Ameisenart gebe es jedoch so starke Größenunterschiede zwischen den Arbeiterinnen.

Die Ameisen bilden sogenannte Superkolonien

Man könnte meinen, ‚magnum‘ beziehe stattdessen auf die Koloniegröße: Die Ameisen bilden sogenannte Superkolonien, weit verzweigte Netzwerke mit zahlreichen Brutzentren, Hunderttausenden bis Millionen von Arbeiterinnen und Tausenden Königinnen. Die Ameisen leben in Staaten, in denen die Königin für die Fortpflanzung zuständig ist. Die Jungköniginnen von Tapinoma magnum werden oft bereits im Nest befruchtet und müssen nicht zwingend ausfliegen wie bei anderen Arten. Dadurch wachsen die Kolonien schnell und können bis zu 20 Hektar groß werden. Und sie können durchaus Schäden an Gebäuden und anderer Infrastruktur verursachen. Das größte Problem: Sie können sich beinahe ungehemmt ausbreiten, da sie kaum natürliche Feinde haben. „Wahrscheinlich ist das Tapinoma-Vorkommen rund um den Ketscher Friedhof eine Superkolonie“, erklärt der Biologe Baumann. „Aus evolutionärer Sicht ist das von Vorteil: Alle Arbeiterinnen aller Tochterkolonien arbeiten zusammen und bekämpfen sich nicht gegenseitig, wie dies bei heimischen Ameisenarten der Fall ist. Da ist der größte Feind des eigenen Ameisenstaates der benachbarte Ameisenstaat, der um dieselben Nahrungsgründe konkurriert.“

Die invasive Art Tapinoma magnumist unter anderem am Geruch zu erkennen,
wie Dr. Andre Baumann MdL demonstrierte.

An die Frage ihrer Herkunft schließt sich dann unmittelbar die Frage nach ihren Lebensbedingungen an: Wie ist die Art von Umgebungsfaktoren wie Wetter, Temperatur und Niederschlag abhängig? Welche Böden und welche Nutzungsart des Geländes bevorzugt sie? Wie breitet sich die Art im Klimawandel aus? Antworten auf diese Fragen könnten erste Erkenntnisse liefern, wie man in Zukunft mit dieser Art umgehen sollte.

Intensiver aromatischer Geruch hilft bei der Identifikation

Eine Teilnehmerin berichtete von regelrechten Ameisenautobahnen, die sie in Ketsch gesehen habe. Aber wie man Tapinoma magnum wirklich erkenne, wisse sie noch nicht. Auch darum ist die Kommunikation eine wichtige Säule des Forschungsprojekts, um die Einwohner vor Ort zu informieren und die Städte und Gemeinden bei der Bekämpfung der Lästlinge zu unterstützen.

Amelie Höcherl fasste die markantesten Eigenschaften noch mal zusammen. „Sie ist komplett schwarz, einige Ameisen sind bloß zwei Millimeter klein, andere doppelt so groß. Im Vergleich zu anderen Arten hat ist der Knoten zwischen Vorder- und Hinterleib verdeckt. Sie bilden breite Ameisen-Autobahnen – all das in Kombination mit ihrem aromatisch-chemischen Geruch, zum Beispiel ähnlich wie Glasreiniger, sind ein verlässliche Hinweise, dass es sich um Tapinoma magnum handelt.“

Die Sorge um mögliche Schäden bewegte die Bürgerinnen und Bürger vor Ort. „Müssen wir uns Sorgen um unsere Häuser und andere Gebäude machen?“, fragte eine Bürgerin. Wenn man sich die Gehwege vor dem Friedhof anschaut, scheint diese Frage mehr als gerechtfertigt zu sein: Die Gehwege aus Knochensteinen wölben sich, Sandauswurf ist zu sehen. Schäden an größeren massiven Gebäuden seien zwar nicht zu erwarten, aber dennoch seien die Tiere auch am und im Haus mehr als nur lästig.

Die Stimmung war gut bei Dr. Andre Baumann MdL, Amelie Höcherl und den Exkursionsteilnehmerinnen  und -teilnehmern.

Wer betroffen ist, sollte sich vernetzen und professionelle Hilfe holen

Viele Gemeinden, darunter auch Ketsch, bekämpfen die Ameise mit heißem Wasser oder heißem Schaum. Man könne den lästigen Plagegeistern aber auch mit Gift zu Leibe rücken, erklärte Andre Baumann. „Aber Ameisen sind schlau und lernen, wenn ihnen etwas schadet. Darum sollten bei der Bekämpfung möglichst mehrere Methoden kombiniert werden.“ Zudem sei es schwierig, eine ganze Kolonie zu bekämpfen. „Wenn sie betroffen sind, sollten Sie sich am besten professionelle Hilfe holen“, empfahl Amelie Höcherl.

Im Auftrag des Umweltministeriums würden momentan Informationen zur Bekämpfung auch aus anderen Ländern gesammelt. Die Maßnahmen am Ketscher Friedhof scheinen auf jeden Fall zu wirken. Der Bestand habe bereits um circa 90 Prozent abgenommen, berichtete eine Anwohnerin.

Sehr zum Leidwesen eines Gartenbesitzers in der Nachbarschaft, der momentan von den Ameisen heimgesucht wird. „Die Ameisen halten die Fressfeinde der Blattläuse ab, und auch die Bienen kommen nicht mehr zum Bestäuben“, erzählte der Besitzer. Ebenfalls würde dieses Jahr die Ernte seines Wurzelgemüses ausfallen: „Kein Knollensellerie, keine Karotten, keine Kartoffeln.“ Alle Wurzeln seien abgefressen. Zum Gift greifen, das sei für ihn keine Option. Er wolle sein Gemüse essen. „Wenn man die Tiere bekämpfen will, muss man entweder viel Geld ausgeben oder man vergiftet sich selbst.“ Andre Baumann hofft, dass die Maßnahmen der Gemeinde schnell wirken und so auch die Ameisen im Garten vertreiben. „Wir tun, was wir können. Vielleicht können wir Tapinoma magnum nicht mehr ganz aufzuhalten, aber wir versuchen es. Und ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingt – auf der Basis von fachlichen Grundlagen“, so Baumann.