Die Landkarte im Blick: Dr. Andre Baumann und Heinrich Horst Hellweg im Gespräch zur Verlegung des Notarzteinsatzfahrzeugs (NEF).

Dr. Andre Baumann MdL im Gespräch mit Notarzt Heinrich Horst Hellweg: „Ich sehe die Verlegung des Notarzteinsatzfahrzeugs von Ketsch nach Brühl kritisch“

In einem Gespräch mit Heinrich Hellweg hat sich der Landtagsabgeordnete der Grünen, Dr. Andre Baumann, über die aktuell diskutierte Verlegung des Notarzteinsatzfahrzeugs (NEF) von Ketsch nach Brühl informiert. Hellweg ist seit 35 Jahren Notarzt und fast 50 Jahre im Rettungsdienst der Region verwurzelt. Darum hat Baumann Hellweg an seinem Arbeitsort, dem NEF-Stützpunkt in Ketsch besucht, den Hellweg seit April 2019 im Auftrag der GRN Schwetzingen im Wesentlichen als hauptamtlicher Notarzt betreut.

„Sollte das Notarzteinsatzfahrzeug von Ketsch an den Nordrand von Brühl verlegt werden, würden insbesondere Altlußheim, Neulußheim und Hockenheim schlechter versorgt werden“, so die Einschätzung Hellwegs. Geplant wurde der Umzug erst vor Kurzem vom Regionalverband Baden der Johanniter-Unfallhilfe e.V., der das Einsatzfahrzeug stellt.

Hellweg betonte, dass hierbei die taktische Verlagerung der beiden „Ketscher“ Rettungswagen nach Brühl durchaus sinnvoll erscheint, um gemäß modernem Standard den Rhein-Neckar-Kreis zeitoptimiert mit Einsatzfahrzeugen abzudecken. Hier wies er auf die vor wenigen Tagen veröffentlichten internationalen Empfehlungen zur Wiederbelebung hin. Diese legt eine weitere Optimierung der Fahrzeugstandorte zur Verbesserung des Überlebens bei plötzlichen Kreislaufstillständen absolut nahe – hier können 90 Sekunden den Unterschied zwischen normalem Leben, schwerster Behinderung oder Tod ausmachen! Der Notarzt betonte, dass trotz der extrem hohen Professionalität der Kollegen und Kolleginnen Notfallsanitäter, die die Rettungswagen besetzen, es dennoch immer wieder Einsätze gibt, bei denen gerade der professionelle Notfallmediziner das Teamergebnis für den schwerstkranken oder den lebensbedrohlich verletzten Mitmenschen weiter optimieren kann.

Fehlende Datenlage schafft Intransparenz

Um Handeln zu können, benötige man zuerst aktuelle Zahlen: „Für die Überlegungen zur Standortverlagerung, insbesondere die des Notarzteinsatzfahrzeuges, existiert bislang keine objektiv belastbare Datenbasis“, erklärte Hellweg. Vorhandene Gutachten seien in die Jahre gekommen und Einsatzdaten würden nicht unter dem Aspekt einer Verschiebung von Standorten systematisch ausgewertet. „Man würde also den letzten Schritt vor dem ersten machen, wenn man die Verlegung ohne eine Auswertung vornimmt“, so Baumann.

Die vorhandenen Daten zeigen laut Hellweg eindeutig: Das Einsatzaufkommen liegt hauptsächlich in Ketsch, Hockenheim, Neu- und Altlußheim und Brühl. Durch eine Verschiebung des Fahrzeugstandortes in den Norden Brühls, im wörtlichen Sinne an die südliche Stadtgrenze Mannheims, würde es zu deutlich mehr Einsätzen in Mannheim kommen“, erläuterte Hellweg. Dann sei zu befürchten, dass insbesondere Hockenheim, Altlußheim und Neulußheim nicht mehr optimal versorgt würden. Und das, obwohl auf dem Hockenheimring regelmäßig Großveranstaltungen stattfinden. Und auch auf den angrenzenden Autobahnen A6 und A61 und den anderen großen Verkehrswegen der Region gibt es immer wieder Unfälle. „Aus Brühl oder Walldorf dauert es zu lange, bis man vor Ort ist. Die gesetzlichen Hilfsfristen könnten dann zwar vermutlich immer noch grenzwertig eingehalten werden, allerdings würde es in den HoRAN-Gemeinden deutliche Verzögerungen geben“, so Hellweg.

Das NEF in Ketsch gewährleistet eine zuverlässige und schnelle Versorgung – auch über alternative Zufahrten und ortsnahe Verbindungen. So sei das Ketscher NEF sogar innerhalb der gesetzlichen Hilfsfristen in Speyer oder den Nachbargemeinden im nordwestlichen Landkreis Karlsruhe vor Ort, wenn sich die dort primär zuständigen Einsatzfahrzeuge in einem Paralleleinsatz befinden.

Rettungshubschrauber seien bei Großveranstaltungen oder schlechtem Wetter keine gute Alternative zum Notarzteinsatzfahrzeug. „Der Hockenheimring braucht neben den Rettungshubschraubern der Region auch zwingend ein schnell verfügbares bodengebundenes Notarzteinsatzfahrzeug“, ist Hellweg überzeugt.

Strukturelle Veränderungen und Klinikschließungen erhöhen den Bedarf vor Ort

Zusätzliche Herausforderungen ergäben sich durch regionale Entwicklungen, so Hellweg. Das Theresienkrankenhaus in Mannheim soll zeitnah geschlossen werden. Das Krankenhaus in Germersheim steht nicht mehr zur Notfallversorgung zur Verfügung.

Außerdem sei seit Längerem in der Diskussion, dass eines der beiden NEF vom Standort Walldorf abgezogen und günstiger im östlichen Rhein-Neckar-Kreis stationiert werden könnte. Diese Entwicklungen sprächen für eine Beibehaltung des Standorts Ketsch. Hellweg könne sich aber auch gut einen alternativen Standort im Süden von Ketsch oder in Hockenheim vorstellen, wie er sagte.

„Bevor nicht alle Daten auf dem Tisch liegen, darf es keine Veränderung geben“

Baumann teilt die Sorgen Hellwegs. „Ich warne vor Schnellschüssen. Es geht hier um die medizinische Sicherheit einer ganzen Region. Eine Verlagerung von Ketsch nach Brühl scheint zwar auf den ersten Blick nicht so schlimm zu sein, aber in der Realität kommt es auf jede Minute an, wenn Menschenleben in Gefahr sind“, so Baumann. „Solche Entscheidungen müssen auf soliden Fakten basieren, nicht auf Vermutungen oder organisatorischen Erwägungen.“

Baumann wird sich für eine transparente Auswertung sämtlicher Einsatzdaten einsetzen. „Solange eine solche Auswertung nicht vorliegt, darf es keine Standortverlagerung geben. Denn klar ist: Die Bevölkerung in Ketsch, Hockenheim, Reilingen, Neulußheim, Speyer und den angrenzenden Orten muss weiterhin verlässlich und schnell versorgt werden.“ Zudem versprach Baumann, mit den betroffenen Gemeinden ins Gespräch zu gehen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Baumann dankte Hellweg zum Abschluss des Gesprächs herzlich für dessen arbeitsreichen wie professionellen Einsatz für die Menschen in der Region.