Rund 60 Naturinteressierte folgten der Einladung des Grünen Ortsverband Ketsch zu einer Exkursion auf die Ketscher Rheininsel. Gemeinsam mit dem Forstexperten und Naturschutz-Sachverständigen Dr. Volker Späth und dem Landtagsabgeordneten Dr. Andre Baumann erkundeten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Naturparadies, das als einer der bedeutendsten Auenwälder der Kurpfalz gilt.
„Die Ketscher Rheininsel ist ein ganz besonderer Naturschatz“, erklärte Dr. Baumann, selbst promovierter Biologe, Naturschutzexperte und seit Jahrzehnten mit der Rheininsel vertraut. „Hier spürt man, wie eng Natur, Klima und menschliches Handeln miteinander verflochten sind.“ Der Auenwald bietet Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, darunter seltene Vogelarten, wie der Mittelspecht oder verschiedene Fledermausarten. Viele dieser Arten sind auf alte, höhlenreiche Bäume angewiesen. „Die regelmäßig überschwemmten Auenwälder des Rhein sind unser Amazonasgebiet. Kaum ein anderes Ökosystem in Mitteleuropa ist so vielfältig und artenreich.“



Während der Führung durch die abwechslungsreiche Waldlandschaft erläuterten Baumann und Späth, wie Hochwasser, Klimawandel und eingeschleppte Krankheiten die Waldökologie beeinflussen. Besonders die Esche ist durch einen im Zuge der Globalisierung aus China von der mandschurischen Esche eingeschleppten Pilz stark gefährdet, während die alten Eichen als ökologisches Rückgrat dienen. „An einer einzigen Eiche können bis zu 400 Nachtfalterarten leben“, verdeutlichte Späth. „Diese Bäume sind nicht nur Lebensraum, sondern auch ein Grundgerüst für den gesamten Wald.“
Die Exkursion machte deutlich, wie komplex die Dynamik im Auenwald ist: Silberweiden in der Weichholzaue etwa können länger im Hochwasser überleben und stehen in Flussnähe, indem sie spezielle Adventiv-Wurzeln am Stamm ausbilden, die Sauerstoff direkt aus dem Wasser aufnehmen. Baumarten der höher gelegenen Hartholzaue, die weniger häufig überschwemmt sind, sind Eichen, Eschen und Ulmen sowie Bergahorn. Gerade alte Eichen zeigen durch ihre knorrigen, breiten Äste und vielen Spechthöhlen, dass sie schon seit Jahrzehnten Raum für vielfältige Waldbewohner bieten, besonders auch für Fledermäuse wie die Bechsteinfledermaus.
Ein besonderes Highlight der Exkursion war die Besichtigung der Wildrebenbestände der Rheininsel, der Urform des heutigen Weins. Baumann: „Ohne die Wildrebe gebe es keinen Riesling.“ Die alten Pflanzen sind von hoher naturschutzfachlicher und kulturhistorischer Bedeutung. Lange fehlte jedoch der Nachwuchs, sodass die Fortpflanzung der Wildrebe gefährdet war. Auch die Eingriffe durch den Menschen können der Rebe massiv zusetzen, erklärt der Ketscher Gemeinderat Günther Martin. Erst durch gezielte Waldrandpflege und kleine Lichtungen konnte eine natürliche Verjüngung erreicht werden. Wichtig sei, dass die alten und uralten Wildrebenpflanzen bei Waldarbeiten geschont würden. Baumann betonte: „Der Schutz dieser Bestände ist eine Verantwortung, die weit über Ketsch hinausgeht.“
Der langjährige Leiter des Instituts für Landschaftsökologische und Naturschutz im badischen Bühl (ILN), Dr. Volker Späth, kennt die Natur der Ketscher Rheininsel von früheren wissenschaftlichen Erhebungen und hatte im Vorfeld der Exkursion die Ketscher Rheininsel begangen. Er wies darauf hin, dass die richtige Balance zwischen Nutzung und Schutz entscheidend sei. „Alte Bäume sollten in allen Waldflächen erhalten werden, sonst verlieren Fledermäuse, Spechte und zahlreiche Insekten ihre Lebensgrundlage.“ Das bestätigte auch Nikolaus Eberhardt, Vorsitzender der Ketscher Grünen, der sich seit vielen Jahren für die Rheininsel engagiert und die Webseite www.rheininsel-ketsch.de betreibt. Späth begrüßte die Pflanzung von Eichen: „Manche dieser Eichen werden in vielen Jahrzehnten bis zu einem Meter dick und voller Leben sein.“
Darüber hinaus diskutierten die Experten, wie die Rheininsel besser geschützt und gemanagt werden sollte. “Die Ketscher Rheininsel ist zwar Naturschutzgebiet. Die forstliche Nutzung ist aber von allen Ge- und Verboten der Schutzgebietsverordnung ausgeschlossen“, erklärt Baumann, der auch Staatssekretär im Umweltministerium ist. „Während Bürger beim Verlassen des Weges mit dem Gesetz in Konflikt kommen, gilt die Verordnung nicht für den Forst.“ Baumann sprach sich daher für die Ausweisung eines kombinierten Natur- und Waldschutzgebiets aus. Er forderte eine Ausweisung der Wälder der Ketscher Rheininsel aus Schonwald, um die Artenvielfalt der Waldökosysteme langfristig zu sichern. Nikolaus Eberhardt schloss sich dieser Meinung an. „Wir müssen diese einzigartige Rheinauenlandschaft für kommende Generationen erhalten.“ Volker Späth ergänzte, dass z.B. die Naturschutzgebiete Rastatter Rheinaue und Auenwälder westlich von Ötigheim gleichzeitig in wesentlichen Teilen auch als Schonwald ausgewiesen sind. Dieser würde es zum einen ermöglichen, dem Naturschutz Vorrang zu geben, vor der Nutzung, und zum anderen würde eine Ausweisung als Schonwald auch den forstlichen Nutzungsdruck reduzieren, da die Flächen dann von den regulären Bewirtschaftungsvorgaben ausgenommen wären.
Die Exkursion zeigte eindrucksvoll, wie eng ökologische, historische und menschliche Faktoren im Auenwald verwoben sind. Vom Hochwasserschutz über den Erhalt alter Eichen bis hin zur Förderung seltener Wildreben, ist die Ketscher Rheininsel ein lebendiges Beispiel dafür, wie Naturschutz, Wissenschaft und gesellschaftliches Engagement Hand in Hand gehen können.
Im anschließenden Vortrag im Pfarrheim vertiefte Volker Späth die Themen anhand eines Vortrages über die badischen Auenwälder und deren Geschichte und auch hier wurde klar, dass Naturschutz keine abstrakte Aufgabe ist, sondern eine konkrete Verantwortung für Artenvielfalt, Klimaresilienz und kulturelles Erbe.